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Es geht darum, aufzubrechen und
aufzuschauen zu ihm, dem Anführer
und Vollender des Glaubens.
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Morgenandacht
von Prof. Harald Wagner
Der Weg entsteht im Glauben
In der Osternachtsfeier sind acht biblische Lesungen vorgesehen. Es macht schon Sinn, sie alle zu hören. Sozusagen im großen Bogen wird deutlich, wie sich Gott von Anfang an dem Menschen zugewandt hat; wie sich die Erlösung des Menschen durch Jesus Christus bereits in alttestamentlicher Zeit ankündigte; wie sich das Tun Gottes gewissermaßen verdichtet und zum Höhepunkt kommt in Jesu Tod und Auferstehung – zum Heil für den Menschen, damit er das Leben in Fülle habe.
Paulus fasst in der letzten Lesung zusammen: "Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden". In manchen Gemeinden werden weniger Lesungen ausgewählt, weil die Pfarrer fürchten, das Konzentrationsvermögen und die Aufmerksamkeit der Anwesenden wären überfordert. Aber auch bei einer solchen Auswahlmöglichkeit erhält der Liturge, eine klare Anweisung.
Aufbrechen
Man soll einige Lesungen nach freiem Ermessen auswählen, wenn es denn in einer bestimmten Gemeinde geboten erscheint. Aber eine Lesung darf auf keinen Fall zur Disposition stehen: Nämlich der Bericht vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, von seiner Rettung durch Gott selber aus der Hand der Ägypter. Es ist der Text aus dem Buch Exodus. Ostern ist das Fest des Exodus. Exodus heißt Weggehen, Verlassen, Ausziehen, Abschiednehmen, Aufbrechen.
Der große Philosoph Ernst Bloch hat den Gott des AT als "Exodus-Gott" bezeichnet, um gleichsam das Entscheidende an diesem Gottesbild zum Ausdruck zu bringen. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann nennt die Kirche kurz und präzise "Exodus-Gemeinde". Ich denke, es lohnt sich, so kurz nach der Osternacht, ein wenig nachzudenken über dieses Zentralmotiv von Ostern, das in der Verkündigung leider oft etwas an den Rand gerät.
Wer glaubt, hat Grund sich zu verändern
Mit der Wegerfahrung hängt sofort etwas Zweites zusammen: Es ist Eigenart des Glaubens, dass er von sich aus an kein Ende gelangt. "Der Weg entsteht im Glauben", sagt Martin Buber. Er setzt ständige Lernbereitschaft voraus. Das aber bedeutet bei aller Identität zugleich Veränderung im Sinne von Erweiterung, Vergrößerung, Vertiefung. Glaube kann und darf nie stehenbleiben, fertig oder abgeschlossen sein. Wer glaubt weiß, dass er stets Grund hat, sich verändern zu lassen, ein anderer zu werden, neu zu werden – neu am Modell des neuen Menschen Jesus Christus, des Auferstandenen.
Wandlung, Umkehr, die Aufnahme neuer Erfahrungen, lernen aus Erfahrungen – das ist ein entscheidender Aspekt christlicher Existenz, wie nach neutestamentlichem Zeugnis das Wort "Christ" ja offensichtlich austauschbar ist mit dem Wort "Jünger". Der Christ ist Jünger Jesu Christi. Als solcher steht er zeitlebens unter der Meisterschaft des Geistes, der ihn lehren und leiten will. Wer Ostern so hereinläßt ins Leben, hat eine sichere Struktur gewonnen, nach der er sein Leben formen und gestalten kann.
Diese Ostergedanken möchte ich mit einer Formulierung aus dem Hebräerbrief zusammenfassen: "Lasst uns also mit Jesus Christus ausziehen." Es geht darum, aufzubrechen und aufzuschauen zu ihm, dem Anführer und Vollender des Glaubens! So gesehen ist Ostern für den Menschen, der dieses Fest sich zur Lebensstruktur gemacht hat, Mitte und tiefster Sinn des Lebens. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Osterzeit, eine Zeit, die etwas geschehen lässt in unserem Leben, an unserem Leben, mit unserem Leben.
Text: Prof. Harald Wagner/Foto: Norbert Göckener, 02.04.05
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