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Du wirst geführt



Du wirst des Weges geführt, den du wählst



Der Weg nach Santiago de Compostela ist kein Spaziergang und ungeeignet zum Pilger-Spielen: Jeden Tag: Ausnahmezustand! Schweres Gepäck im Nacken. "Alles" in Grund und Boden treten, "Zugrundegehen" und sein Leben ausschwitzen.

Jeden Morgen aufbrechen, das Ziel in weiter Ferne. Jeden Abend ankommen, aber vorher nicht wissen, wie und wo. Durchhalten, ankommen oder auf der Strecke bleiben. Schmerzen. Grundkurs Leben - allein und miteinander.

Warum gehst du?

Pilger aus Alaska, Brasilien oder Holland. Es dauert nicht lange - und immer die gleiche Frage: Warum gehst du? (Warum tust du dir das an?) Fitnesstest, kulturell-touristisches Interesse, gescheiterter Lebensabschnitt, frisch pensioniert, revision de vie, aber auch religiöse Gründe.

Fast täglich abends eine Pilgermesse. Wunderbare "Ankunft" für Christen aus aller Welt, Heimkehr, Zuflucht, Zugehörigkeit: "Eines Sinnes sein" - vor Gott und untereinander. Die offiziellen Herbergen heißen Refugios.

Christen und Juden kennen den alten Gebetsvers: "Weise mir, Herr, deinen Weg, ich will ihn gehen in Treue zu dir" (Ps 86,11). Weg machen, gehen und tun, nicht nur Richtung Santiago, aber auf diesem Wege rückt vieles klarer in den Blick, wenn Alltagstrott und Routine hinter uns liegen und Lebensschutt weggeräumt ist. Keine wohlige Besinnungsstunde oder gar genüssliche Selbstbetrachtung. Die Wahrheit kommt eher dort hoch, wo wir "am Ende" oder total fertig sind, nicht mehr im Vollbesitz der Kräfte oder etwas außer Kontrolle.

Rückblickend leuchtet manchmal die alte jüdische Weisheit ein: "Du wirst des Weges geführt, den du wählst." Genauer: "Der Mensch wird des Weges geführt, den er mit ganzer Seele wählt." Das ist Glaube. Das ist Leben vor und mit Gott, immer auch mit der Bitte: "Ebne deinen Weg vor mir" (Ps 5,9b)!

Warum gehst du - warum lebst du? Weil ER ist und es so will. Eine alte Fernsehshow hatte den Titel: Das war mein Leben bzw. sein Leben. Kandidaten wurden mit entscheidenden Situationen oder wichtigen Menschen ihres Lebensweges konfrontiert.

Keine schlechte Idee für eine persönliche Glaubenserneuerung: "Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen" (Ps 18, 20). Darum lebst du. Darum gehst du. Darum lässt du dich nicht gehen. Dein Glaube sagt dir: ER "ist vertraut mit all deinen Wegen" (Ps 139,3).

Du lässt nicht schicksalsergeben alles laufen. Deine tief verankerte Wegerfahrung sagt dir: "Um seines Namens willen wird er dich führen und leiten" (Ps 31,4). Keine himmlische Bevormundung, kein übernatürliches Gängelband, keine transzendentale Fernsteuerung, sondern "Freigelassene der Schöpfung".

Gott wirkt auf uns ein wie die Sonne auf Pflanzen. Er lockt und weckt die eigenen Kräfte, damit wir seine Führung auf unserem Weg erkennen und "ihn gehen in Treue zu ihm". Liebende wissen es. Glaubende wissen es. Leben "vor seinem Angesichte", denn "er wird uns führen in Ewigkeit" (Ps 48,15).

Deine Wege - meine Wege

Hier zuhause und doch nicht, Eigenheimbesitzer und Transitreisende zugleich, Asylanten mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung auf dieser Erde. Sozial, seelisch und geistig relativ sesshaft und unbeweglich, dennoch Pilger im Aufbruch. Bleibende Anfänger auf dem Wege in eine "selige Zukunft hinter dem Vorhang des Todes".

Spannungen und Widersprüche, polares Ineinander, Ungelöstes, Unerlöstes. Wir können nicht darüber hinwegsehen oder hinweggehen. Gläubige leben zielgerichtet. Das ordnet die Kräfte und heilt die Seele. Gläubige versuchen, diszipliniert ihren Weg zu gehen. Die Tradition bietet dazu viele Hilfen.

Was haben wir in der Hand, was liegt in Gottes Hand? Es ist leicht, dem Himmel zu danken, wenn sich uns die schönen Dinge des Lebens öffnen. Verdunkelt sich dieser Himmel über uns und werden wir "geführt, wohin wir nicht wollen" (vgl. Joh 21, 18), geht uns das "Herr, dein Wille geschehe" nicht so leicht über die Lippen.

Vielen scheint das Leben durch die Finger zu rinnen. Sie haben nicht das Gefühl, etwas machen zu können, wesentlich mitzubestimmen oder zu gestalten. Das meiste scheint programmiert, aus zweiter Hand (second hand life), und sei es aus Gottes Hand.

Wenn Christen und Juden von Gottes Hand sprechen, meinen sie immer die Kraft, die Menschen seit Jahrtausenden in ihre Eigenverantwortung und Freiheit lockt, jeden in die Spur, die er gehen kann und soll. Sich Jahwes Führung zu überlassen, bedeutet seit jeher, selbst in eine neue Mündigkeit hineinzuwachsen.

Unser Einwand: "Und wenn die Verhältnisse nicht so sind ..?" - "Die Verhältnisse" sind immer auch unsere "Glaubensverhältnisse". Der gegenwärtig wachsende "Himmelsschwund" macht aus unserm provisorischen nicht selten ein taumelndes Leben - mit dem Hintergrundrauschen des Nichts. Was aber bleibt, wenn der Fluchtweg ins laute Leben nicht mehr offen steht?

Blindenführung

Es klingt wie ein Kontrastprogramm: "So spricht der Herr: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege" (Jes 55,8). Deshalb bitten Juden und Christen: "Herr, tu mir deine Wege kund und lehre mich deine Pfade" (Ps 25,4). - Deine Wege, nicht meine, dein Wille, nicht meiner! - Hier beginnt der Glaubensgehorsam Abrahams, Marias und auch Jesu.

Erst im Aufbruch, im Gehen und Tun erfahren wir das göttliche Weggeleit, nicht zuhause, nicht im Sessel. Nichts ist für den Gläubigen Zufall, nichts passiert einfach so. Selbstbestimmung an der langen Leine Gottes?

Jeder weiß aus Erfahrung, wie leicht er sich "vergehen" kann, im nachhinein auch, wie wahr das alte Verheißungswort ist: "Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern. Die Finsternis vor ihren Augen mache ich zu Licht" (Jes 42,16).

Zugleich:
Ihr Ungeübten, die in den Nächten nichts lernen.
Viele Engel sind euch gegeben.
Aber ihr seht sie nicht. (Nelly Sachs)

Kleine und große Lebenserschütterungen öffnen nicht ohne weiteres unser Herz für Gott und seine Weisungen. Gebet und Schriftlesung trainieren unsere Sinne für die Signale seiner Führung. Das Innehalten und Zur-Besinnung-Kommen hat heute manchmal ein anderes Gesicht: "Nachts wache ich auf, entsetzt von der verzweifelten Inhaltslosigkeit meiner Tage."

Nicht nur metaphysisch Obdachlose und transzendental Verwahrloste, auch Arbeitslose, Pensionäre und all die, deren Leben nur noch dahin dämmert, sind angesichts ihrer Lebensverhältnisse vom Sinnlosigkeitsbazillus befallen. Die Grundfrage: Was ist meine Bestimmung, was ist (noch) mein Weg? Wer könnte sie jemandem von außen beantworten?

Gläubige Zuversicht könnte einstimmen: "Ich will das Leben leben, das mir zugefallen ist, und es so leben, dass es mir ganz zufällt" (Imre Kertecz).

Der Herr ist mein Hirte

Der Autor

Dr. Hermann-Josef Silberberg wurde 1939 in Köln geboren. Nach der Priesterweihe 1965 in Münster war er bis zum Herbst 1968 Kaplan sowie Religionslehrer und Mitarbeiter am Landeskrankenhaus in Lengerich. Danach wurde er Subsidiar in Recklinghausen St. Pius sowie Religionslehrer am Gymnasium. Von 1975 bis 2002 war er Fachleiter für Katholische Religion am Studienseminar in Bochum; zudem war er von 1995 bis 2002 Seelsorger im Benediktinerinnenkloster Maria Hamicolt in Dülmen-Rorup. - Silberberg ist Theologischer Berater des Online-Magazins "kirchensite".

 

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  Redaktion: Almud Schricke, kirchensite.de
letzte Änderung: 23.12.2005 09:07 Uhr
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