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Das Heilige Antlitz von Manoppello
Von Angesicht
zu Angesicht
Ein kleiner Ort in den italienischen Abruzzen ist seit 500 Jahren die Heimat eines Aufsehen erregenden, hauchdünnen Tuches, des "Volto Santo". Es zeigt ein Gesicht, das als Gesicht Jesu gilt. Kirche+Leben-Redakteur Markus Nolte hat den Ort Manoppello und das Heilige Antlitz besucht und seine Erfahrungen in einem Buch mit starken Fotografien und tiefen Texten veröffentlicht.
Der Krimi ist schnell erzählt: In Manoppello, einem kleinen Dorf in den Abruzzen, rund 30 Kilometer von der Ostküste Italiens entfernt, wird seit 500 Jahren ein hauchdünnes Tuch aus Muschelseide verehrt, das ein Gesicht zeigt. Allerdings: Muschelseide lässt sich nicht bemalen; und doch ist eindeutig ein Gesicht darauf zu sehen. Wundersam! Zudem gilt es als "nicht von Menschenhand gemaltes Bild" – ein Typus, der in der kirchlichen Tradition von besonderer Bedeutung ist und entsprechend verehrt wird. Dieses Gesicht in Manoppello gilt als Gesicht Jesu – und zwar nicht als irgendeines, sondern als das Ur-Bild, das "wahre Bild", das als Vorlage für andere bekannte Jesus-Bilder diente. Mehr noch: Dieses "wahre Bild" sei das "Schweißtuch der Veronika", wobei gesagt sein muss, dass der Name Veronika eine Zusammensetzung des lateinisch-griechischen Wortgebildes "vera icona" ist; und das heißt: "wahres Bild". Manche Forscher meinen gar, dieses in Manoppello verehrte Tuch sei ursprünglich im Petersdom gewesen; und das Schweißtuch der Veronika, das dort bis heute gezeigt wird, sei eine Fälschung. Das wahre Bild sei jenes in Manoppello: Jesus im Moment der Auferstehung, mit offenen Augen.
Jenseits allen Beweisertums birgt dieses Bild, dieser Blick, offensichtlich eine Tiefe, die die Suche des Menschen nach Gott bis in den Kern ernst nimmt, weil es zweifelsohne ein lebendiges Bild mit der ursprünglichsten aller Glaubensaussagen ist: Unser Gott ist ein Gott mit menschlichem Antlitz.
Markus Nolte, Theologe und verantwortlicher Redakteur bei "Kirche+Leben", hat sich auf den Weg nach Manoppello gemacht und unter dem Titel "Von Angesicht zu Angesicht" ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben. Nicht zuletzt der Besuch Papst Benedikts XVI. im September 2006 in Manoppello regte ihn dazu an, denn noch als Kardinal Joseph Ratzinger hatte er auf die Problematik solcher "nicht von Menschenhand gemalten Bilder" hingewiesen. Dabei dachte er vor allem an "eine falsche Sakramentalisierung des Bildes", "das über das Sakrament und seine Verborgenheit hinauszuführen schien in die Unmittelbarkeit schaubarer göttlicher Gegenwart". Vielmehr ist für Joseph Ratzinger klar: "Es gibt kein Porträt des Auferstandenen: Die Jünger erkennen ihn zuerst immer nicht. Sie müssen zu einem neuen Sehen geführt werden, bei dem ihnen allmählich von innen her die Augen aufgehen, sodass sie ihn von neuem erkennen." In Manoppello sprach Benedikt XVI. über das Volto Santo bezeichnenderweise stets als "Ikone". Auszüge aus der Ansprache während des Privat-Besuchs des Papstes beim "Volto Santo" hat Nolte daher in seinem Buch dokumentiert.
Dennoch: Was wäre das, wenn man wüsste, wie Jesus aussah! Diese Frage macht den Reiz von Manoppello aus – vordergründig. "Man kann sich damit begnügen, man kann staunen und sprachlos werden vor diesem Bild und seinen vielen Geschichten", schreibt Nolte. "Man kann aber dieses Bild von Manoppello auch als zutiefst beeindruckendes Lehrbild nehmen: als ein Bild, das lehrt, neu zu sehen. Tiefer zu sehen." Eben das mache den Reichtum von Manoppello aus: Sehen, Ansehen, Betrachtung. "Auf alle Fälle ist Manoppello dies: ein Zeichen auf dem Weg nach innen. Dorthin, wo die Seele ›das Antlitz Gottes‹ sucht."
Leicht sei der Weg nach Manoppello, die Auseinandersetzung mit dem "Volto Santo" nicht gewesen, bekennt Markus Nolte in seinem Buch: "Es ist ein Weg voller mitgebrachter Bilder, Spiegelungen, Ansichtssachen, Einbildungen, Urteilen aus dem ersten Blick, Draufsichten und Aufsichten. Wer da durchblicken will, muss sich gewissermaßen einem Bildersturm aussetzen, und selbst am Ende bleibt es nicht beim Anschauen."
Ausdrucksstarke Fotografien aus Manoppello, von der grandiosen Landschaft und den Menschen der Abruzzen begleiten in dem Buch intensive Texte: Einer ausführlichen Annäherung an das "Volto Santo" und an den Umgang mit ihm folgt eine tiefe, geistvolle Betrachtung des Antlitzes – und unter der Überschrift "Nicht sehen und doch glauben" ein "Plädoyer für Thomas und die anderen Ebenbilder Gottes". Dazu hat Nolte starke Porträts von Menschen vor der Basilika von Manoppello gestellt. Den Abschluss bilden stimmungsvolle Bilder von der berauschenden Landschaft der Abruzzen.
Bischof Reinhard Lettmann erzählt in seinem Vorwort von seinem eigenen Besuch in Manoppello, äußert seine persönliche Freude über das Buch und wünscht den Leserinnen und Lesern, "dass sie sich von Seinem Blick treffen und berühren lassen. Auf dass uns allen im anbetenden Schauen dessen, der sich in Jesus Christus zu uns herabneigt, die Augen neu aufgetan und wir sehend werden, unsere Sicht sich vertieft und verwandelt."
Noltes Buch "Von Angesicht zu Angesicht" leistet vieles: Es vereint fundierte, anspruchsvolle Theologie mit innigen Gebeten, zeigt Bilder und lehrt neu zu sehen, lässt schwärmen angesichts der Landschaft – und hilft, einem suchenden Glauben zu trauen: an einen Gott, der uns entgegenkommt.
Text: asa, 05.12.2007
MarkusNolte:
"Manoppello – Von Angesicht zu Angesicht" 112 Seiten, Dialogverlag Münster, 19,80 Euro
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