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Impulse von Schwester Ancilla:
Spiegel – Werkzeug der Fastenzeit
"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die/der Schönste im ganzen Land?" Wer kennt nicht diese berühmte Frage aus dem Märchen "Schneewittchen und die sieben Zwerge"?!
Man meinte in den vergangenen Karnevalstagen angesichts der bunten Vielfalt an Maskeraden immer wieder ein Echo dieser Frage zu hören. Und um das eigene Gesicht zurecht schminken zu können zu dem Ausdruck, den ich ihm geben möchte, brauche ich einen Spiegel; einen Spiegel, der mir hilft, ein Bild zu erzeugen, dass normalerweise nicht meines ist.
Dabei nutze ich eine Eigenschaft des Spiegels: nämlich die, ohne Abstriche und Hinzutun im Bild die Wahrheit über mein Gesicht zu sagen. Dass diese seine Eigenschaft meist dazu eingesetzt wird, das Vorhandene "aufzubessern", bis es Gefallen findet, gibt dem Spiegel einen Beigeschmack von Eitelkeit.
Darin, die "Wahrheit zu sagen", ist der Spiegel ganz direkt: "Er sagt sie dermaßen unverhüllt, dass er sich nicht einmal darum kümmert, das Bild wieder umzukehren (wie es der fotografische Abzug tut, der uns eine Illusion von Realität liefern will). Der Spiegel erlaubt sich nicht einmal diesen kleinen Kunstgriff, um uns die Wahrnehmung oder das Urteil zu erleichtern. … Das Gehirn interpretiert die Daten der Netzhaut, der Spiegel interpretiert die Objekte nicht" (Umberto Eco). Aber was mache ich mit dieser Wahrheit, die der Spiegel mir zeigt? Dient sie nur dazu, das Make-up richtig aufzutragen, damit – wenn schon der Spiegel das Bild nicht interpretiert – es am Ende doch meiner eigenen Interpretation entspricht?
"Vor einiger Zeit – ich hatte eben das sechzigste Lebensjahr erreicht – wurde es mir zur Gewissheit, dass ich das Gesicht, dem ich zumindest einmal täglich im Spiegel begegne, als fremd empfinde. Kein Zweifel, es gehört mir, ich trage es auf meinen Schultern, aber im Verlaufe eines Vorgangs, der Jahre gedauert haben mag, muss ich mich ihm entfremdet haben", so beginnt Manès Sperber seine Autobiographie. Er sieht ungeschminkt im Spiegel sein Gesicht und verweigert ihm die Anerkennung. Er lehnt es ganz einfach ab als sein Gesicht und wendet sich ab.
Nur, damit werde ich mein Gesicht nicht los. Es gehört zu mir. Und es sagt mehr über mein Leben aus, als Make-up jemals überdecken oder verändern kann.
Das könnte den Spiegel auch zu einem Hilfsmittel der gerade begonnenen Fastenzeit machen. Ein nicht nur flüchtiger, sondern etwas längerer Blick in den Spiegel könnte vielleicht ein Schritt sein, mich mit mir selbst zu konfrontieren, meine eigene Realität ungeschminkt anzuschauen und ein wenig in den eigenen Gesichtszügen auf Entdeckungsreise zu gehen.
Ziel sollte dabei nicht kosmetisches Verstecken dieser Linien sein, sondern Wahrnehmung und Annahme meiner Geschichte, die sich in diesen Zügen in mein Gesicht eingegraben hat. Spiegel also als Hilfe zur Selbstwahrnehmung im Bemühen um die Selbstannahme.
Text: Sr. M. Ancilla Röttger osc (Münster)/Foto: Anselm Thissen, 01.03.2006
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